«Wir kriechen schon durch den Dreck»
«Ich war zu Beginn der Rekrutenschule nicht wahnsinnig motiviert. Zum Weitermachen musste man mich eigentlich zwingen», sagt Reto Niedermann heute rückblickend. Trotzdem lässt er sich seit dem letzten Herbst zum Berufsoffizier ausbilden.
Doch der Reihe nach: Das Militär kam dem Luzerner, der damals im Sommer 2003 soeben das Lehrerseminar abgeschlossen hatte, ganz schön ungelegen. Denn eigentlich wollte er in der Welt herumreisen. Und nicht nach Airolo in die Rekrutenschule. Bevor auf diese dann noch die Offiziersschule folgte, ging er für vier Monate in die USA und arbeitete dort als Poolboy. «Um einmal richtig zu arbeiten. Und natürlich auch, um Englisch zu lernen», so der heute 24-Jährige. Nach seiner Rückkehr begann er ein Jusstudium in Luzern, welches er nach zwei Semestern und trotz bestandener Zwischenprüfung wieder aufgab. Der Grund: «Ich wollte nicht mit Büchern und Akten arbeiten, sondern mit Menschen.» Zudem fand Niedermann die Präsenzzeiten an der Uni doch etwas sehr kurz.
Laptop statt Sturmgewehr
Die Armee-Assessments, bei denen neben dem Intelligenzquotienten auch Führungsqualitäten und seine psychologische Verfassung überprüft wurde, überstand Niedermann. Seit Oktober nun studiert er an der Militärakademie der ETH Zürich. Wer dabei aber an ein gemütliches Studentenleben denkt, liegt falsch: «Während der Semesterferien stehen militärische Kurse auf dem Programm», sagt Niedermann. Neben Intensivsprachkursen in Englisch und Französisch beschäftigen sich die angehenden Berufsoffiziere beispielsweise auch mit dem Wintergebirgskurs, der ein Schneebiwak, Bergtouren und Lawinenkunde beinhaltet. Weil die angehenden Berufsoffiziere bereits während des Studiums bei der Armee angestellt sind und einen Lohn erhalten, erhalten sie im Gegensatz zu allen anderen Studenten nur die üblichen fünf Wochen Ferien. Zudem sind sie verpflichtet, nach Abschluss des Studiums während mindestens vier Jahren für die Armee zu arbeiten. Dafür erleichtert ihnen ein Erstklass-Generalabonnement das Leben.
Zwischen Computer und Dreck
Und inwiefern unterscheidet sich nun seine aktuelle Ausbildung von der Rekrutenschule? Das sei wie Tag und Nacht: «In der RS lernt man klassische Soldaten-Skills, während im Studium Leadership im Vordergrund steht.» Oder etwas bildlicher: «An die Stelle des Sturmgewehrs tritt der Laptop.» Also nur Theorieausbildung? Niedermann winkt lachend ab: «Auf unserem Programm steht etwa auch der Kampfgrundkurs. Wir kriechen schon noch durch den Dreck.»
Konfrontiert man Niedermann damit, dass er seine Fähigkeiten wohl nie in einem realen Einsatz, sprich in einem Krieg werde anwenden wird können respektive müssen, opponiert er vehement. Er sei vom Sinn der Armee zu 100 Prozent überzeugt. «Natürlich hofft man, den Abzug der Waffe nie betätigen zu müssen. Mein Ziel ist aber, dass meine Truppe ihre Aufgaben erfüllen und ihren Auftrag wahrnehmen kann.» Das heisse konkret: Den Frieden erhalten, wie im Kosovo. Bei einem Polizeigrosseinsatz Unterstützung bieten. Oder nach einer Naturkatastrophe helfen. Eine Sinnkrise habe er bisher jedenfalls noch nie gehabt, sagt Niedermann. «Und falls dies einmal so weit kommen sollte, bin ich sicher, dass mich die Kameraden mitziehen und mir aus dieser Situation raushelfen.»
Bis zu 14 Stunden am Tag
Seit zehn Jahren bei der Armee arbeitet Gregor Metzler. Der Oberstleutnant im Generalstab bildet an der höheren Kaderschule im Armeeausbildungszentrum auf der Luzerner Allmend den militärischen Nachwuchs aus. «Meinen Beruf kann man mit demjenigen eines Lehrers im Theoriesaal vergleichen», erklärt der 40-jährige St. Galler. Fragt man ihn nach den Schwierigkeiten seines Berufes, nennt er als erstes die Beziehung zur Familie, die auf eine harte Probe gestellt werde: «Ich sehe sie am Wochenende und je nach Möglichkeit zusätzlich an einem Abend pro Woche», sagt Metzler unverblümt. Ansonsten verbringt er sein Leben in der Kaserne: Der Arbeitstag beginnt um 7.15 und endet gegen 22.30 Uhr, «Überstunden gibts bei uns nicht.» Als Kompensation werden die Berufsmilitärs dafür bereits mit 58 Jahren pensioniert.
Die Chancen, mit seiner militärischen Ausbildung auch in einem privatwirtschaftlichen Job zu bestehen, schätzt der ehemalige Bauingenieur unterschiedlich ein: Das sei stark abhängig vom Berufstyp. «Unser Kerngeschäft ist die Führung von Menschen und das strukturierte Problemlösen in schwierigen Situationen», sagt Metzler. Dies mache die Absolventen attraktiv für Jobs bei Grossunternehmen, bei denen Sozialkompetenz und organisatorische Fähigkeiten gefragt seien.
Weg zum Berufsmilitär
Wer Berufsmilitär werden will, kann dies auf drei Arten erreichen:
Mit einem Bachelorstudium Berufsoffizier: Der Studiengang richtet sich primär an Maturanden und dauert sechs Semester.
Mit einem Diplomlehrgang: Wer bereits einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss hat, kann den einjährigen Diplomlehrgang zum Berufsoffizier machen.
Mit der Militärschule: Zur Schule zugelassen wird, wer eine Berufslehre abgeschlossen und mindestens drei Jahre als Zeitoffizier gearbeitet hat. Die Ausbildung dauert zwei Jahre.
Neben den nötigen militärischen Graden (Leutnant für Bachelorstudium, Hauptmann für Diplomlehrgang, Oberleutnant für die Militärschule) werden Kenntnisse einer zweiten Landessprache, sportliche Leistungsfähigkeit und ein guter Leumund vorausgesetzt. Dazu gilt es, ein Assessment für angehende Berufsoffiziere zu bestehen. Pro Jahr werden durchschnittlich 40 Berufsoffiziere ausgebildet - 20 im Studium und je 10 via Diplomlehrgang und Militärschule.
Auch Frauen können sich zum Berufsoffizier ausbilden lassen. Ihr Anteil liegt laut Armeeangaben momentan aber unter 10 Prozent.
www.milak.ch
Emanuel Thaler
Quelle: MoMa


