Verbot Narrenmesse: «Das ist zum Auf-den-Kirchturm-Klettern!»
In der «Zentralschweiz am Sonntag» steht: «Pfarrer klagt: Bischof ist humorlos.» Nachdem wir auch den Text dazu gelesen haben, gehen wir sogar noch weiter und sagen: Bischof Vitus Huonder ist nicht nur humorlos, sondern weit weg von der Basis, weit weg vom Puls der Zeit. Wer den Puls spüren will, muss den Kontakt zur Basis suchen und vor allem die Menschen lieben. Denn hier wird die wichtige Arbeit gemacht – nicht in Rom.
Viel Unverständnis
Diese Aussage stammt von Zirkuspfarrer Heller. Wir teilen sie, denn wir arbeiten und leben an der Basis, wissen auch, dass dieser Entscheid des Bischofs bei vielen Unverständnis ausgelöst hat. Für uns als Christen ist das Evangelium, die frohe Botschaft das Zentrum unseres Glaubens.
Das Leben und Handeln von Jesus ist uns Massstab und Vorbild. Jesus liess schon vor 2000 Jahren alle Menschen zu sich kommen, ob Zöllner oder Fischer, Alte oder Junge, Kranke oder Gesunde, alle, die zu ihm wollten, liess er kommen. Er hörte zu, er half jenen, die an ihn glaubten und seine Hilfe benötigten. Wir denken, das tut er auch heute noch. Deshalb ist für uns die Aussage der Vereinigung Pro Ecclesia äusserst abstossend, wenn sie die Fasnachtsmesse mit einer Räuberhöhle vergleicht, aus der man Christus rausjage.
Aber was soll daran falsch sein, wenn Menschen in Fasnachtsgewändern ihrer Freude mit einem Narrentanz Ausdruck verleihen und so andere anstecken, ganz nach dem Motto: «Geteilte Freude ist doppelte Freude»? Warum soll so fröhliche Musik wie die der Guuggenmusigen Gotteslästerung sein? Warum soll es verwerflich sein, Gott mit Leib und Seele zu ehren, mit Musik und Tanz vor ihn zu treten und ihn zu loben?
Das Herz muss senden
Viel verwerflicher sind unserer Meinung nach wohlfeile Worte, die über die Lippen kommen, ohne dass das Herz sie sendet. Humor soll Platz haben innerhalb eines Gottesdienstes. Wir würden uns jedoch dagegen wehren, wenn das Geheimnis unseres Glaubens innerhalb einer Eucharistiefeier missbraucht würde. Aber das ist in besagtem Gottesdienst sicher nicht geschehen. Würde Bischof Huonder sich die Zeit nehmen und mit den Verantwortlichen das Gespräch suchen, so wüsste er das auch. Es ist schon sehr bedenklich und unprofessionell, dass der Bischof nur seine «Spitzel» anhört und über eine Mittelsperson Pfarrer Reto Müller ausrichten lässt, er solle es unterlassen, die Narrenmesse abzuhalten. 700 Personen haben im letzten Jahr daran teilgenommen. Viele sind sicher fröhlicher wieder aus der Kirche gegangen, als sie gekommen sind. Und dies soll auch in diesem Jahr so sein.
Wir lassen uns nicht von einer erzkonservativen Minderheit aufdiktieren, was wir tun dürfen. Deshalb hoffen wir, dass trotzdem möglichst viele am nächsten Sonntag, 14. Februar, um 19.30 Uhr maskiert oder kostümiert am Gottesdienst in der Pfarrkirche Schwyz teilnehmen.
Wie soll man an der Basis Vertrauen und Achtung für einen Bischof empfinden, der sich dem Fortschritt verschliesst, konservativ, engstirnig und stur amtet, immer wieder Schritte zurück geht und die Zeichen der Zeit übersieht?
Die Kirche besteht nicht aus einer Einzelperson, sondern wir alle sind Kirche, welche Freude weiterschenken soll. Die Kirche sollte eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft verkünden. Von Zweitem erleben wir in unserem Alltag genug.
Werner und Antonia Fässler-Suter, Ibach
Obwohl ich Mitglied des Kirchenchors, nicht aber einer Fasnachtsgesellschaft bin, beschäftigt mich als überzeugte Katholikin das Verbot der Fasnachtsmesse in Schwyz sehr. Offensichtlich können Sie beurteilen, welche Kleidung und Musik Gott gefällig ist. Sind Sie sicher, dass Gott lieber wenige «Vaterunser herunterleiernde» Menschen in seinen fast leeren Kirchen sieht als volle Gotteshäuser mit vielen fröhlichen, begeisterten jungen und alten Gläubigen? Auch im Fasnachtsgottesdienst erleben wir Evangelium und Eucharistie.
Sind Ihnen, Bischof Vitus Huonder, die sektiererischen und Beifall nickenden Mitglieder der Pro Ecclesia wichtiger als erfolgreiche und innovative Geistliche?
Ob Gott das auch so sieht?
Marie-Louise Züger, Brunnen
Mit ihren pseudoreligiösen Vorstellungen meinen die Hierarchen dich, Gott, in Schutz nehmen zu müssen. Dabei bist du, Gott, ein grosser Fasnächtler, denn du verkleidest dich gerne. Dein schönstes Kleid, Kostüm, mit dem du dich verkleidest, sind wir Menschen. Dein Verkleidungsfest, die Fasnacht, ist doch wunderschön, im Unterschied zu jenen Menschen – und dazu gehört auch Bischof Huonder –, die das ganze Jahr verkleidet herumlaufen und meinen, dir so einen Gefallen zu tun. Mit seinen Äusserungen ist einmal mehr ans Licht gekommen, dass dem Bischof die Totengräber mehr wert sind als jene, die dich, Gott, als einen Gott des Lebens und der Freude zu leben versuchen.
Hans Kunz, Ruswil
Junge Guuggenmusikantinnen und -musikanten kommen vielleicht nur einmal pro Jahr in die Kirche, in den Fasnachtsgottesdienst. Sie bringen ihre Freunde, ihre Fröhlichkeit, Farbe, Musik, Kreativität, dazu auch ihre starken, nachhaltig wirkenden Gedanken und Texte mit. Dieser Gottesdienst ist ihre Verbindung zur Kirche, die wertvoll ist.
Fasnachtsgottesdienst berührt
Alle Kritiker sollten mal erleben, wie berührt und bereichert Jung und Alt nach einem Fasnachtsgottesdienst aus der proppenvollen Kirche strömt.
Wenn solche Gottesdienste zensuriert oder verboten werden sollten, dann sprechen wir hier wohl zwei so verschiedene Sprachen, dass wir uns niemals verstehen werden. «Das ist zum Auf-den-Kirchturm-Klettern!»
Berta Bucher-Haas, Rothenburg
Als Seelsorger und Katechet bemühe ich mich, Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrem Glauben zu begleiten. In einer lebendigen Pfarrei fällt unsere Arbeit auf fruchtbaren Boden. Nicht immer gelingt uns alles, so wie wir es gerne möchten. Manchmal aber, und besonders dann, wenn die Initiative von den Pfarreiangehörigen kommt, entstehen eindrückliche Erlebnisse. Die Narrenmesse im vergangenen Jahr war für alle Mitfeierenden zweifellos ein solches Highlight. Gläubige aus unserer Pfarrei haben einen eindrücklichen und in jedem Moment würdigen Gottesdienst gefeiert. Mit viel Feingefühl wurde in der Ansprache und im Feiern der Eucharistie eine Brücke zwischen der örtlichen Kultur und unserem Glauben geschlagen. Geht es in der Seelsorge nicht genau darum?
Den Menschen verpflichtet
Als Katechet bin ich zusammen mit den anderen Seelsorgern den Menschen unserer Pfarrei verpflichtet. Wir tun gut daran, den Menschen und ihrer Kultur nahe zu sein. Der Dienst an Gott kann verschiedene Formen haben und soll die Gläubigen in ihrem Alltag abholen. Wenn eine Pfarrei so farbig und begeisternd Gottesdienst feiert, sollten wir uns alle freuen.
Es ist eine Anmassung, über mündige Gläubige zu urteilen, ohne selber dabei gewesen zu sein und die genauen Umstände zu kennen. Auch wir sind «ecclesia».
Ich wünsche mir, dass unser Bischof die Menschen und das, was sie bewegt, deutlicher wahrnimmt. Ein Gespräch mit den Betroffenen bringt oft Klärung und schafft Vertrauen. Ein Verbot löst Unmut und Ärger aus. Herr Bischof, mit Ihrer Intervention haben Sie sich einen Bärendienst geleistet und für ein Fasnachtssujet gleich selber gesorgt. Auf jeden Fall wird auch dieses Jahr in Schwyz wieder geschränzt, genüsselt und sicher auch gerüsselt.
Urs Heini, Katechet, Schwyz
Ist das Heilige humorlos? Diese Frage stellte sich mir, als ich vom Verbot einer Fasnachtsmesse in der Sonntagsausgabe der Neuen SZ vom 7. Februar las. Ich erinnere mich gerne an all die Fasnachtsgottesdienste, denen ich selber vorstehen konnte. Und nun lese ich, Fasnacht vertrage sich nicht mit einer Eucharistiefeier, der Feier von Tod und Auferstehung Christi, dem Heiligsten unseres Glaubens. Ist das Heilige humorlos? Zugespitzt gefragt: Ist Gott, den die Kirche als den «allein Heiligen» bekennt, humorlos? Immerhin heisst es von IHM im 2. Psalm, Vers 4, dass ER über das Gebaren mancher (nur weltlicher?) Herren lacht und spottet.
Hat uns Jesus nicht ein Evangelium, eine Frohe Botschaft, eine befreiende Nachricht verkündet und vorgelebt? Und hat er schliesslich mit seiner Auferstehung nicht auch noch den Tod verspottet, sodass Paulus im 1. Korintherbrief, Vers 55, schreiben kann: «Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?» Solche Freude über einen Gott, der das Leben und nicht den Tod will, kann sich auf verschiedenste Art artikulieren: Warum nicht auch mit einer Guuggenmusig? Warum nicht auch mit einem Fasnachtskostüm? Musik und Kleidung wählen wir ja auch sonst je nach Situation aus. Gewiss, Geschmack ist verschieden. Nicht alles, was mir nicht «schmeckt», muss deswegen «geschmacklos» sein. Schliesslich wird niemand gezwungen, einen Fasnachtsgottesdienst zu besuchen. Aber denen, die ihn mitfeiern, soll die Freude nicht genommen werden. Wie sagte doch Harvey Cox (Harvey Gallagher Cox ist ein baptistischer Professor der Theologie an der Harvard-Universität, USA, Anm.d. Red): «Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe.»
Alle, die den Humor in der Kirche noch nicht ganz verloren haben oder das Lachen neu trainieren möchten, können sich schon mal den Auftritt des Kirchen-Frauen-Kabaretts aus Vorarlberg vormerken: Freitag, 5. November, 20 Uhr, in der Festhalle Sempach. Veranstalter ist der Katholische Seelsorgerat des Kantons Luzern.
Karl Mattmüller, Theologe und Co-Leiter der Fachstelle Pfarreientwicklung und Diakonie der Römisch-katholischen Landeskirche des Kantons Luzern, Neudorf
Auch unser Seelsorgeteam hat mit Unverständnis und Kopfschütteln auf den Befehl aus Chur zum Verbot der Narrenmesse in Schwyz reagiert. Einmal mehr zeigt sich, auf wen der Bischof wirklich hört, auch wenn es sich um eine verschwindende Minderheit handelt. Wir bedauern auch sehr, dass er nicht das direkte Gespräch gesucht und die Abklärungen des Generalvikars der Urschweiz in den Wind geschlagen hat.
Wir möchten das Seelsorgeteam von Schwyz und seinen Pfarrer in ihrer Arbeit und in ihrem Anliegen weiterhin unterstützen, haben wir doch selber ausschliesslich positive Reaktionen auf den letztjährigen Gottesdienst vernommen. Hätte Chur etwas mehr Vertrauen in die Verantwortlichen der Seelsorge, so könnte es sich Zeit nehmen für die wirklichen Probleme und die brennenderen Fragen unserer Zeit.
Was Jesus dazu gesagt hätte, können wir nur erahnen, aber sicher hätte auch er grosse Bedenken gegen eine Kirche, die nur noch aus Vorschriften und Denunziantentum besteht. Wir kennen seine ernsten Worte, aber auch seine Teilnahme an frohen Festen und seine befreiende Botschaft.
Altbischof Maximilian Aichern aus Linz hat in seiner Abschiedspredigt wiederholt, was er vorher häufig verkündet hat: «Lasst Euch die Freude am Glauben durch nichts und niemand nehmen!» Das machen wir!
Br. Patrik Schäfli und das Seelsorgeteam Konrad Schelbert, Martina Jauch Pfister, Ursula Zemp-Brügger, Seewen
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