«Was ausgestellt ist, lebt»
Winternachtgarten, so haben sechs Künstlerpaare die Ausstellung benannt, die zurzeit in der Kunsthalle Luzern gezeigt wird. Sie wurden zu ihrem Schaffen vom Projekt «Arche Noah» in Spitzbergen angeregt: Samen von Nutzpflanzen werden dort aufbewahrt zum Gebrauch nach einer eventuell stattgefundenen grossen Atom- oder Naturkatastrophe. Das entspricht ganz der Bibelerzählung von Noahs Arche, dem Paradebeispiel für Bewahrung und Fortbestand von Leben.
Die Besprechung in der «Neuen Zuger Zeitung» vom 6. Januar ist entsprechend überschrieben: «Der Vergänglichkeit widerstehen». Dann aber ist von der Vergeblichkeit, das Leben zu bewahren, die Rede, mit der sich die Künstler spielerisch auseinandersetzen. Das passt nicht recht zusammen und ist doch eng verknüpft. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.
Was ausgestellt ist, lebt – alle Kunstwerke machen, dass während des Betrachtens vielfältigste Gefühle, Empfindungen und vergessen geglaubte Erinnerungen aufsteigen. Da zaubern Lichtquellen Schattenspiele auf die Wände von grossen Kuben. Die Wiedergabe von verlassenen Feuerstellen lässt vor dem inneren Auge farbige Bilder von dicken Blumenteppichen vorbeiziehen – sie bedecken im Frühjahr die Lava- und Aschehalden der grossen Vulkane Islands. Welch blühendes Leben. Und Kants Aussage, er halte die innere Stimme und den Sternenhimmel über sich für das Grösste und Wertvollste, schiebt sich bei allem, was über das Universum zu sehen und zu erfahren ist, nach vorn. Sein Geist lebt.
Bewahren und festhalten
Auch alte Fotos, Urkunden wecken Gedanken und Fantasien. Leben kennt keine Jahreszahl und kein Verfallsdatum, doch die Lebendigkeit, die Dauer von Einzelwesen wird vom erbarmungslosen Vergehen der Zeit, von Anfang und Ende, bestimmt, und dazwischen ereignet sich das, was wir zusammenfassend mit Vergänglichkeit bezeichnen. Wir und alles Geschaffene «vergeht», nichts ist von Dauer. Wir möchten bewahren, festhalten und nehmen den Widerstand gegen die Zeit auf. Ob im privaten Umfeld oder im öffentlichen Bereich: Es wird gepflegt, saniert, renoviert, um zu erhalten, was uns nur möglich ist. Damit listen wir tatsächlich der unausweichlichen Vergänglichkeit ein Stückchen Dauer ab. Dante tat den Ausspruch – er ist auf dem Grabmal Giovanni Segantinis zu lesen –: L’arte e l’amore vincono il tempo. Die Kunst und die Liebe siegen über die Zeit. Dazu braucht man kein Maler und kein Dichter noch sonst Künstler zu sein. Wer mit Hingabe ganz konzentriert seiner Liebhaberei nachgeht, hat wahrscheinlich erfahren, dass Zeit- und Raumgefühl verschwinden – Wissenschaftler sagen, das für Menschen grösstmögliche Glück.
Im Zusammenhang mit der Ausstellung sagt Beat Frei, Präsident des Trägervereins der Kunsthalle, schlicht: «Wir leben mit der Vergänglichkeit.» Denn der Ausstellungsort muss in absehbarer Zeit einer neuen Überbauung weichen. Ja, am besten akzeptiert man die Vergänglichkeit. Sie will angenommen sein, ganz wie die Marschallin am Schluss der Oper «Der Rosenkavalier» singt: «Man lasst es halt geschehen.» Doch in dem Wie, da liegt der ganze Unterschied.
Gabriela Wyss, Zug
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